02.09.2019 Dünne Türen

Nach zwei Monaten in Montréal fallen mir noch immer Dinge auf, die einfach anders sind als ich sie kenne. Fast jedes Auto ist rostig, hat Beulen und rollt humpelnd die Straßen voller Schlaglöcher entlang. Ist die Werkstatt zu teuer, wird nicht nach einem Autoservice verlangt oder haben die Leute einfach besseres zu tun als ihr Auto in Schuss zu halten? Sind wir Österreicher zu bedacht darauf, dass unsere Autos nicht nur fahren sondern auch gut aussehen und haben somit wir den falschen Ansatz, dass ein Auto mehr als nur ein Transportmittel ist?

Die Türen sind extrem dünn. Alle Türen sind so dünn, dass ich mich frage, ob es überhaupt Sinn macht diese zuzusperren. Die Klinken sind locker, die Schlösser scheinen unsicher, die Fensterrahmen sind morsch. Der Beton der Straßen ist hier teils einfach gebrochen, unfertig hängt er zwischen Straße, Fahrradweg und Gehsteig. Die Metrostationen sind so staubig, dass ich vermute, sie wurden seit ihrer Neueröffnung noch nie geputzt, wobei ich gleichzeitig auch meine Meinung hinterfrage, warum das in meinen Augen so notwendig ist. Die kleinen Gärten der elegant-französisch angehauchten Häuser sind zwar mit sichtlich viel Liebe gestaltet aber versinken im Müll. Das fällt besonders am 1. Juli und am 1. September auf, an diesen Tagen ziehen die Menschen hier nämlich aus und um und lassen dabei ihr Hab und Gut, das nicht mehr gut genug war um mitzuziehen auf den Straßen. Niemand würde hier auf die Idee kommen auf den Müllplatz zu fahren um seinen kaputten Toaster oder seine 2 mal 2 Meter Matratze zu entsorgen. Der Müll, der sonst im Alltag so anfällt wird hier übrigens nicht in Tonnen entsorgt sondern einfach mit dem Müllsack auf die Straße geschmissen, wo er manchmal Tage aufs Abholen wartet, traurig senken die übergroßen schwarzen Säcke ihre Kipfel in der Sonne immer mehr zu Boden. So stinkt beispielweise mein ganzer Bezirk am Donnerstag nach verdorbenen Essen, weil der Kompost schon Tage auf seine letzte Fahrt wartet.

Es beschreibt diese Parallelwelt ganz gut, die ich hier zu spüren bekomme: man bemüht sich, den Müll zu trennen aber zeitgleich wirft man ihn auf die Straße, kümmert sich nicht darum, ob er aufplatzt und was liegen bleibt, geschweige denn wie der Gehsteig zurückbleibt. Es ist eine gemütliche Achtsamkeit, eine entspannte Lebensweise, die sich durch Anstrengung nicht zu weit aus dem Fenster lehnen will, die jedoch wahrscheinlich um einiges umweltfreundlicher ist als ihre großen Nachbarn im Süden Nordamerikas.

Eine andere Sache nehme ich mir aus der Erfahrung hier zu wohnen auch ganz sicher mit: Kanada ist enorm groß, alles ist weiter voneinander entfernt als man angenommen hat. Ich hatte wirklich damit zu kämpfen, meine bisherigen Vorstellungen und Annahmen über Distanzen und wie diese zu bereisen seien zu ändern. Jede Strecke ist länger als man es glaubt und zwar nicht nur wenn es um die paar Häuserblöcke in Montréal geht um den Markt zu finden, sondern auch wenn man mit dem Zug von Quebec nach Halifax fährt. Im Gespräch mit anderen Reisenden bekommt man es nochmal mehr zu spüren: Sie ist 4 Tage mit dem Zug von Ost- zur Westküste gefahren und da es kein Internet gab, war ihr hauptsächlicher Zeitverteib das Puzzlespiele mit neuen Freunden – für 4 Tage. Manche Burnout-Betroffenen waren mit im Zug um sich selbst zum Runterschalten zu zwingen, was seine Schönheit aber auch die Tragik der Schnelligkeit unserer Gesellschaft mit sich trägt. Jedenfalls dachte ich, meine Zugfahrt sei lange gewesen aber mal wieder falsch gedacht: alles ist weiter voneinander entfernt als man angenommen hat. Das Land ist so groß und so spärlich bevölkert, dass ich das Gefühl habe, alles kann sich soviel Platz nehmen, wie es beliebt. Seen, Wälder, Küstenzüge und Menschen, deren Häuser, Shoppingmalls, Spitäler und Universitäten nehmen sich soviel Platz wie sie benötigen. Hier angekommen war für mich eine der brennendsten Fragen, was denn eigentlich im Norden Kanada ist? Wie sieht es dort aus? Wie wohnt man dort? Gibt es genügend Straßen? Sind die Supermärkte dort genauso groß, wie läuft die Versorgung dort ab? Und wer wohnt dort eigentlich? Langsam finde ich ein paar Antworten und mit meiner kleinen Reise nach Nova Scotia und der langen Zugfahrt dorthin, habe ich mit meinen eigenen Augen sehen können, dass da tatsächlich nichts außer Natur ist. Bäume, Sträucher, Wiesen, Flüsse, Wälder, Steppen, Meer haben mir ein Gefühl der Ehrfurcht. Diese natürliche, teils komplett ungebändigte Natur ist so umfassend, dass wir Menschen es nicht versucht haben, diese einzunehmen – haben uns ihr ergeben und ziehen uns in den Ballungsräumen zurück. Wo wir die Gehsteige zumüllen, immerhin mit getrenntem Müll

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24.08.19 Natur (Freizeit) Park

Wie eine Hochschaubahnstrecke zieht sich die Hauptstraße des Nationalparks Cap Bretons in Nova Scotia die Küste entlang. Viele scharfe und weite Kurven, die Täler hinunter und hinauf. Als Autofahrer fühlt es sich auch zugegebenermaßen ein bisschen so an, wie eine Hochschaubahnfahrt in einem Freizeitpark. Schilder, die auf kurze und lange Trails, Waterfalls, Birdwatchings, Mossewatchings, Whalewatchings, Zodiactouren, Campingplätze, Restaurants, Gas Stations, Souvenierläden, Toiletten, Infozentren, Kayakschulen, Supermärke, Hotels, Hostels, Bed and Breakfasts, Cottages und empfohlene Aussichtspunkte verweisen waren nicht zu übersehen. So schaltet man auf Autopilot, klappert die Destinationen ab, lässt sich entertainen, rollt den gleichen Weg voran wie alle anderen SUV Tanker vor einem. Dass das Entertainment rein durch und mit der Natur verbracht wird muss an dieser Stelle erwähnt werden. Die Warnschilder, dass in diesem Gebiet Bären, Kojoten und Elche wohnen und eventuell gefährlich sein könnten haben dem Ganzen den richtigen Nervenkitzel gegeben.

Nein, Spaß beseite, es ist zwar ein etwas unnatürliche Naturerlebnis, aber eines, dass wahrscheinlich jeden Besucher zutiefst beeindruckt zurücklässt. Den Park alleine zu durchstreifen hatte seine Vor- und Nachteile, einmal bin ich mit meiner Tasche unter dem Arm geklemmt einen Waldweg zurückgehetzt weil mich das unangenehm laute und damit nahe (?) Kojotenheulen in eine derartige Panik versetzt hat, ein anderes Mal konnte ich vor lauter Ehrfurcht vor unserer Natur nicht mehr klar denken, wobei fehlende Kompanie diese Momente nur positiv verstärkt hatte. Komplette Freiheit, extreme Naturverbundenheit, grenzenlose Selbstwirksamkeit. Ich fühlte mich als Soloreisender in dieser Umgebung wie ein Teil des Ganzen und gleichzeitig auch extrem klein, fast ohnmächtig. Unter anderem habe ich wunderschöne Küstenlandschaften, vom Atlantikmeer geformte Steinformationen, weiße Sandstrände, tiefgrüne Wälder mit allen Arten von Bäumen, Wasserfälle, fleischfressende Pflanzen, Kolibris und Weißkopfseeadler gesehen.

Aber zurück zur Hochschaubahnfahrt: die Schienen habe ich nämlich mit einer Menge anderer Menschen geteilt, denen man unfreiwillig in allen möglichen Ecken des Parks begegnet. Ich glaube, für mich war der National-Freizeit-Park-Tourimus so klar spürbar, da ich immer von kompletter Ruhe und Einsamkeit in Null Komma Nichts zu überfüllten Aussichtsplattformen gewechselt habe. Da gibt es tatsächlich nicht wenige Menschen, die ihre Wege mit Flip-Flops zurücklegen, andere schleppen ihre Kinder mit, die aller Ansicht nach keine schöne Zeit verbringen, manche haben nichts besseres zu tun, als sich über die Wanderer zu beschweren, die nicht auf den für uns vorgesehenen Holzplanken gehen. Im Großen und Ganzen war ich aber wieder einmal erstaunt über die Großzügigkeit, Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, denen ich begegnet bin. Hier grüßt man sich wirklich beim Wandern, sieht sich in die Augen, teilt einen gemeinsamen schönen Moment, gibt sich Tipps und kommt erstaunlich einfach ins Gespräch. In summa: Naturparks sind wunderbare Freizeitparks.

17.08.19 Halifax ist nicht Quebec

Und Englisch nicht Französisch, das macht sich hier merklich spürbar. Ich bin wie in einem anderen Land, einer anderen Kultur angekommen, es herrscht eine komplett andere Stimmung als in Montreal oder Quebec. Der Einfluss einer Sprache ist einfach nicht zu unterschätzen und ich glaube, gerade Englisch zwingt die Menschen, die es als Muttersprache gebrauchen zu einem freundlicheren Umgang miteinander. Die französischsprachige Blockade, die sich in Quebec breitmacht und direkt von Frankreich übernommen wurde nimmt dem Freigeist, der mir hier in Nova Scotia aufgefallen ist ein bisschen die Luft aus den Segeln. Ein Freigeist der sich im Umgang miteinander, in einem verlangsamten Lebensrythmus und in einem wie mir scheint glücklichen Akzeptieren der Gegebenheiten zeigt. Nicht nur das Akzeptieren, sondern auch das Bestreben, aus den Umständen das Beste zu machen scheint mir hier in der Luft zu liegen. Ja, es ist noch immer nicht Europa aber wir sind hier, ein zusammengewürfelter Haufen von Immigranten die sich dazu entschieden haben, in einem neuen Land zu leben, Interessen und Geisteshaltungen zu vereinen und sich währenddessen wohl fühlen. Überspitzt gesagt. Jeder nimmt sich Zeit aktiv eine Kommunikation zu führen, sei es ein Fremder, ein Gypsy, ein Tourist oder ein Freund. Kleine Gesten springen mir ins Auge, die mich davon überzeugen, dass hier ein Stück weit mehr als Gesamtheit gedacht und gehandelt wird als ich es von zuhause gewöhnt bin. Mehr Miteinander statt des omnipräsenten Individualismus in deutschsprachigen Ländern. Obwohl mir das schon in Quebec aufgefallen ist, macht es sich hier noch spürbarer, gemischt mit Möwengeschrei und der Meeresbrise, die sich durch Halifax zieht wirkt das ganze wie ein sehr angenehmer Ort, seine Zeit zu verbringen. Da die Hauptstadt Nova Scotia auf der Südküste liegt, bringt der Blick Richtung Meer aus dem Hafen Halifax ein mulmiges Gefühl: ab jetzt kommt nur noch der Atlantik, dessen Wellen wieder irgendwo in Südamerika halt machen.

Die Stadtarchitektur zeigt mir, dass hier alles tatsächlich älter und im Großen und Ganzen durch einen direkteren Einfluss der Briten und Franzosen gezeichnet ist. Beispielsweise konnte ich heute durch einen viktorianischen Garten flanieren, den ich so weder in Quebec noch in Montreal gefunden habe. Ein Gitternetzwerk von Straßen wie es in Montreal oder anderen großen Nordamerikanischen modernen Städten zu finden ist, lässt weder weitläufige Parks, charmante Gässchen noch große Plätze zu. Die Gesellschaft formt normalerweise die Stadtentwicklung mit, die Art zu leben beeinflusst das Straßenbild in einem Prozess der sich teils Jahrhunderte gezogen hat – in Wien und auch in Halifax macht die Theorie auch durchaus Sinn. Mir schein, modernere Städte haben die Lebensweise der Bewohner überholt, sich missachtend über sie hinaus entwickelt um möglicherweise einen wirtschaftlichen Vorteil herauszuschlagen. Mehr Häuser, mehr Condos, immer weiter in die Höhe, damit man immer mehr Menschen in die neuen Büros stecken kann. Alte, europäische Städten setzen eine natürliche Grenze, mehr geht in eine Stadt nicht mehr rein. Sicherlich, dann wird die Stadt nun mal vergrößert, sie wächst, das Wachsen sei aber vielleicht mit mehr Achtsamkeit und Vorsicht auf deren Bewohner und Wünsche passiert.

17.08.19 Später geht nicht

Oft kommt man in die Situation, an einem Geschäft, an einem schönen Gebäude oder Ort vorbeigehen, diese ganz bewusst wahrzunehmen um sich dann aber zu denken, ach, das werde ich später besuchen, das nächste mal. Durch das mehrmalige Verpassen von Gelegenheiten, diese Dinge später besucht zu haben, gehe ich es nun persönlich mit einer anderen Strategie an: Wenn ich einen Ort sehe, der mir gefällt und er vor meiner Nase ist, dann geh ich dort auch hin. Jetzt, sofort und ganz klar: nicht später. Es gilt, die Dinge, die vor einem sind in dem gleichen Moment zu nützen und sich nicht vornehmen, sich erst später eine Bereicherung daraus zu holen. Und vielleicht ist es mit anderen Dingen im Leben auch so, nicht nur im Zusammenhang mit dem platten Sightseeing und meiner Erkenntnis während des Entdeckens von Stadtvierteln und charmanten Orten. Wie oft gehen wir wortwörtlich an Möglichkeiten vorbei, die wir sogar wahrnehmen aber nur, um sie auf später zu verschieben. Sicher, rational gesehen ist es nicht immer die beste Wahl, keine Entscheidung zu überdenken, ich plädiere nur zu einem spontaneren, situationsabhängigen freien Gedankengang, der uns vom Aufschieben abhalten soll. 

13.8.19 Datenschutz Exkurs

Unsere Daten, die Daten die wir im Internet über uns teilen, sollten auch in unserem Besitztum sein. Sie sollten sie unser Eigen nennen dürfen und wenn wir sie verkaufen wollen, dann würden wir alleine die Möglichkeit dazu haben. Fakt ist, dass dies nicht die Realität ist. If you don’t pay for the product, chances are high that you are the product. 

Daten könnten als Waffen betitelt sein, es sei dann illegal diese als Mittel für Wahlen und Werbung zu verwenden. Ist es Propaganda? Unser Verhalten wird bewusst beeinflusst jedoch wird auf der Mikroebene jeder Beteiligte glauben, dass die Einflüsse nicht so ausschlaggebend wären, wie sie eigentlich sind. Wo enden Marketingmaßnahmen, wo beginnt Gehirnwäsche? Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer Ära der öffentliche Meinungsbildung durch gezielte, individuelle Gehirnwäsche.

2.8.19

Die Cafés sind voll mit Menschen, die in ihre Laptops starren. Ja, ich bin momentan eine davon und empfinde es als unangenehm. Aber meine große Frage ist, warum auf einmal, wieso genau, was haben diese Menschen früher gemacht, wo ist deren Arbeit und wieso treibt es mich auch in Cafés? Nein, was haben die Menschen früher in Cafés gemacht? Sind wir diejenigen, die die Cafés zweckentfremden oder wurden Cafés für uns neu definiert? Offene Fragen, die so stehenbleiben sind zwar unangenehm aber hiermit hinreichend. 

31.7.19 Apotheken – in Kanada

Die Konsumlandschaft in Kanada überrascht mich immer wieder aufs Neue, lässt mich fast erstaunt, fast sprachlos durch die Straßen flanieren. Die Apotheken, obwohl es eher die „Apotheken“ sind, verkaufen genauso viel Blödsinn wie Supermärkte. Währenddessen ich durch die Gänge gehe, wo unter anderem Milch im 5 Liter Plastiksack angeboten wird, bemerke ich das Gefühl, dass hier Gesundheit mit Wohlbefinden vertauscht wird. Apotheken sind Orte, an man Hilfe sucht und, jedenfalls aus meiner europäischen Perspektive, kompetente Hilfe personifiziert durch den Pharmazeuten erhält. Die Pharmazeuten verstecken sich in den vermeintlichen Supermärkten am hinteren Ende. Im weißen Kittel wirken sie auch kompetent, jedoch lässt sie der Kontext ein bisschen lächerlich dastehen. Ich kämpfe mich sozusagen durch die herkömmlichen Konsumfallen durch bis ich endlich meine Medikamente besorgen kann. Bis ich zu den Konsumgütern komme, die meine tatsächliche Gesundheit herbeiführen sollen, werde ich abgelenkt durch Dinge, die mich potentiell kurzfristig zum Wohlbefinden führen. Was aber sicher nicht die langfristige Lösung ist, denn Konsum bringt auf Dauer nie Wohlbefinden, geschweige denn Gesundheit. Folglich das Paradoxon der Apotheken in Kanada.